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"Gender Size Gap" Gruselbahn, Teil 1

Aktualisiert: 4. Sept 2019

*** english version below ***


++ INTRO ++

Im Januar habe ich für meinen Sohn ein Hemd gesucht, das ich für Karneval bemalen kann: weiss und langärmlig, unbedruckt, Größe 104. Ich habe erstaunlich lange nach einem plain white tee suchen müssen und bin in der Mädchen-Abteilung eines Kinderkleidergeschäfts fündig geworden. Zuhause fiel mir dann auf: Das T-Shirt sass an ihm ziemlich eng. Unter den Armen. Um den Oberkörper. Überall eigentlich. Überrascht prüfte ich noch einmal die Grösse und dachte dann: Die armen Mädchen. Das geht ja jetzt schon los.

Diese Sache hat mich nicht mehr losgelassen, ständig ist mir danach aufgefallen, wie anders Mädchenmode geschnitten ist, wie Mädchen schon von klein auf mit ihrem Körperbild konfrontiert werden. Dass zwar die optische Gestaltung der Jungenmode genauso stark Geschlechterstereotypen folgt wie die der Mädchen, aber immerhin die Schnitte oft praktischer ausfallen.


Ich wollte seit diesem Tag einen Vergleich zwischen Jungen- und Mädchenkleidern durchführen, deswegen habe ich mich diesen Sommer entschlossen, ein wenig zu forschen und unter möglichst kontrollierten Bedingungen Jungen- und Mädchenkleider desselben Herstellers zu vergleichen. Im ersten Teil beschreibe ich mein Einkaufserlebnis und allgemeine Eindrücke. Im zweiten Blogpost lasse ich dann die Teile aufeinander los und schaue, was der Schnittvergleich zeigt.


++ EINKAUFEN ++

Vorneweg: Ich bin keine begeisterte Shopperin. Ich finde meistens nicht, was ich suche. Ich sehe meistens nicht, was mir steht. Ich bin schnell überfordert und manchmal sogar abgelöscht von der Auswahl. Soviel Kram und so viele Leuten, und am Ende will ich nur noch aus dem Laden raus.


Das ist auch in der Kinderabteilung nicht anders. Immerhin habe ich aber einen Versuch vor, sodass ich nach recht eingegrenzten Kriterien auswählen kann, das macht die Sache einfacher: Ich habe diejenigen Kleider meiner Söhne ausgewählt, die von einem großen skandinavischen Hersteller stammen. Ich habe dann bei diesem Herstellers in der Mädchen-Abteilung vergleichbare Modelle in den jeweils gleichen Größen gesucht. Damit wollte ich sichergehen, dass ich nicht die Schnitt- oder Grössensysteme verschiedener Hersteller vergleiche und damit den Vergleich obsolet mache.

Ich habe mich übrigens aus zwei Gründen für diesen Hersteller entschieden: Er ist für Kinderkleider einer, wenn nicht DER Marktführer. Ausserdem finde ich hier auch Mädchensachen ohne pink-glitzer-unicorn, sodass ich vergleichbare Basics habe. Die Vergleichsteile suche ich in den Größen 92 und 104. Die Kids mit diesen Grössen sind noch recht klein, bezüglich Schnitten sollten noch keine grossen Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen bestehen.

Ich nehme im Vorfeld an, dass ich in jedem Fall auch bei diesen relativ neutralen Basics Unterschiede im Schnitt finden werde. Im Normalfall sollten diese Jungen- und Mädchen-Basics nahezu deckungsgleich sein. Meine Vergleichs-Jungenkleider sind relativ neutral: Sie haben zum Teil Streifen oder college-artige Motive. Ich suche in der Mädchenabteilung nach vergleichbaren Shorts, Longsleeve-Shirts, kurzärmligen Shirts, Jeans. Zuletzt nehme ich auch ein paar sehr mädchenhafte Teile mit, um auch diese noch einmal zu vergleichen.


++ IN DER HÖHLE DER WÜTENDEN VÖGEL ++

Die Farbpaletten sind relativ ähnlich für Jungen und Mädchen, trotzdem weiss man eigentlich immer, dass man in der Mädchen- oder Jungenabteilung steht. Da ist einmal das rosa, das bei den Mädchen-Paletten einfach immer dabei ist. Ausserdem die Prints: Aus eigentlich jedem Standort sieht man verführerisch blickende Print-Prinzessinen, Glitzer-Tüllröckchen oder Herzen. Oder eben Baustellen-Autos, Gesichter-Autos, Superhelden. Bei neutraleren Klamotten in ähnlichen Farben ist auch dank der Prints immer sofort klar, was hier für wen gedacht ist: Die Mädchen-Prints enthalten meist positive oder niedliche Attribute. Jungen kriegen aggressivere Messages auf den Weg. Wenn schön Vögel, dann wohl nur in böse. Überhaupt fällt mir auf, dass die aktuell meistgedruckten Tiere entweder nicht real sind (Einhörner), oder ausgestorben (Dinosaurier).

Ich bin ehrlich gesagt jetzt schon ein bisschen genervt: Ich falle nicht in Ohnmacht wenn Kinder klischeemässig angezogen sind. Aber hier bekomme ich trotzdem das Gefühl, dass die Kinder ohne Nuancen mit einer dicken Wolke aus Motiven und Attributen vollgehängt werden, die ihnen die Sinne für anderes vernebelt. Man bekommt entweder das Gefühl, dass Kinder Idioten mit stumpfen Farb- und Musterreflexen sein müssen. Oder dass Erwachsene stumpfe Idioten sind, die Kinder nicht für voll nehmen. Und man bekommt das Gefühl, dass Mädchen offensichtlich niemals Autos und Jungen niemals Schmetterlinge interessant finden können.

Ich suche nun bei den Hosen nach einer einfachen Mädchenjeans, und das ist gar nicht so leicht wie ich gedacht hatte. Die Mädchen haben deutlich weniger Modelle zur Wahl, die alle eng oder supereng sind. Dafür können die Mädchen zwischen endlosen Mengen an Leggings wählen. Immerhin gibt es auch für Mädchen Jogginghosen, aber auch nur mit silbernen Streifen oder Herzen. Nachdem ich den Unmengen von Drehständern, Zweier- und Dreierpacks, Wänden voll mit Leggings die Mädchenjeans gefunden, finde ich noch einige weiter Sachen, die ich kaufe: zwei Langarmshirts, zwei paar Shorts, drei T-Shirts.


++ INTERMISSION ++

Nach meinem Einkauf bin ich ehrlich gesagt verwirrter und nachdenklicher, als ich erwartet hatte: Shopping-Erlebnisse dieser Art habe ich durch Second Hand Läden, Tauschgemeinschaften, Flohmärkte, bisher relativ kurz gehalten. Und dass die Marketing-Geschlechter schon im Kinderalter getrennt werden, weil es sich besser verkauft, ist mir auch nicht neu. Ich glaube auch nicht, dass die Lösung im kompletten Ausblenden besteht, auch wenn ich beim Einkaufen für die Jungs bisher den ganz heftigen Marvel- und Disney-lizensierten Kram ein bisschen ignorieren konnte.


Aber ich weiss auch nicht, warum ich ausgerechnet mit dem Prinzessinnen- und Glitzerkram solche Mühe habe. Ich bestärke meine Söhne, feminin konnotierte Attribute ohne Hintergedanken auch für sich zu behaupten, denn Dinge wie z.B. Liebe, Fürsorglichkeit, Tiere, bunte Farben, etc. finden sie schön, bunte Shirts und Hosen, Regenbogen, Kinderküche, Holztorten, Einhorn-Weingummi suchen sie sich ebenso vorbehaltlos aus wie Spielzeug-Bagger. Der Glitzer-Disney-Prinzessinnen-Overkill ist mir aber unangenehm, und ich weiss nicht genau, wie ich das vorbehaltlos sehen kann.


Mädchensachen betonen aus meiner Sicht oft etwas Grundlegendes: Sie sind selten einfach nur praktisch. Irgendwas ist immer niedlich, und das will man bloss nicht dreckig machen. Entsprechend reagiert das Umfeld, kommentiert, bewundert oder ermahnt zum Aufpassen. Ein Teil der Selbst-Wahrnehmung des Kindes wird auf die Erscheinung im Umfeld gerichtet. Sind die Kleider aber Nebensache, kann sich die Selbst-Wahrnehmung auf das Wirken im Umfeld richten: aufs Lernen, Rennen, Entdecken, Langweilen, Kaputtmachen, Heilmachen, kurzum: Die eigene Verlässlichkeit üben. Traurig macht mich, dass Mädchen diesem Erscheinungs-Effekt so früh so viel intensiver ausgesetzt sind als Jungen. Klar kann man seiner Tochter auch Jeans in der Jungsabteilung kaufen, aber das löst ja nicht das grundlegende Problem.

Und dann muss ich natürlich auch selbst hinterfragen: Weibliches Empowerment für die Jungen ja, aber nur feministisch gebilligt und nicht glitzernd? Gender-neutral fahren und die ganzen Dino-, Elsa-, Star-Wars-Extreme ignorieren oder später verbieten? Scheint mir beides nicht realistisch und auch nicht sinnvoll. Ich recherchiere zu Gendermarketing. Ich finde eine Darstellung zum Thema Bücher, um wieviel komplexer die Erlebniswelten und Themen in der Jungenliteratur sind als diejenigen in der Mädchenliteratur.


Ich glaube, das ist es, was mich am Mädchen-Glitzerkram trauriger macht als am Jungen-Auto-Dinosaurier-Kram: Die Enge der Gedanken-Welt dazu. Ich bin gespannt, ob die Schnitte und Verarbeitung der Jungen- und Mädchenteile diese Enge auch so reflektieren, wie ich das im Vorfeld erwartet habe. In Teil zwei geht's weiter!




*** english ***


++ INTRO ++

In January, I was looking for a shirt for my son to paint on for a carnival costume: a white long-sleeved shirt without print, size 104. It took me surprisingly long, and after some searching, I found one in a girls' department. And then at home I noticed: The shirt was pretty tight on him. Below his arms, around his torso. I checked the size again, and then I thought: Those poor girls. It's already starting for them.

I couldn't let go of this incident, I started to notice how differently the girls' outfits were cut, and how early girls are confronted with body image. While boys apparel is just as loaded with gender stereotypes as girls apparel, only with different messages, boys fashion often seems to follow more practical patterns.

Since that day, I've wanted to compare boys and girls apparel, so this summer I decided to do some research and try to objectively compare boys and girls clothes by the same manufacturer. In the first part, I will describe my shopping experience and observations. In the second, more exciting part, the pieces will in fact go face to face to compare their patterns.

++ SHOPPING ++

To be honest: I'm not a very ardent shopper. I usually don't find stuff I'm looking for. I don't see what would suit me. I'm usually out of my depth and sometimes turned off by the selection. I tend to get annoyed by all the stuff and selection. There are so many people, and in the end, I just want to get out of the store.


All of this also applies to me in the children's department. I do want to be diligent, so at least I am shopping by rigid criteria: Of my sons' clothes, I select those that come from a large Scandinavian producer, and I try to find corresponding same-sized pieces in the girls department. With this setup, I want to make sure that I don't compare pattern and sizing systems of different companies and thereby limit my findings.

I did decide for this producer for two reasons: First, this on is one of the market leaders for kids wear. Second, they also carry girls apparel that isn't hardcore pink-glitter-unicorn, so there is a chance to find comparable basic pieces for the boys clothes I have. I'm comparing pieces of the sizes 92 and 104. Kids those sizes and ages are still small, and they still are fairly comparable in shape at that age.

My assumption is that even among these relatively neutral basic pieces I will find differences. Conversely and ideally, the boys' and girls' pieces turn out to be almost congruent pattern-wise. The boys stuff I have is pretty neutral from my point of view, at least: Some of the pieces have stripes, college style-applications. In the girls department, I am looking for shorts, longsleeved shirts, T-Shirts, and jeans to compare to. Finally, I also pick up some more girly pieces to also compare those.

++ IN THE DEN OF FURIOUS BIRDS ++

The color palettes really do seem to be rather similar for boys and girls, yet still you always know whether you're in the girls or boys department. There's the pink, which is left out of virtually no girls sub-collection or color palette. The there are the prints: From any angle, you glance right at an enticing princess, at glitter and tulle skirts, or hearts. Or you stare at construction site gear, cars with faces, super heroes, dinosaurs. Even more neutral stuff in similar colors is always tagged for either gender: positive feelings of "love" and attributes of cute, or adventurous computer game characters. If there are animals on boys' shirts, they better be aggressive, I guess. There's also the surprising realization that the animals occurring most in these prints are either unreal (unicorn) or extinct (dinosaurs).


I'm already a little annoyed to be honest: I don't get a heart attack over kids spotting one or the other piece of heavily gendered apparel, be it princess or superhero. But in here, I'm getting the feeling that producers really just want to tag these kids up and down in a non-nuanced thick cloud of motives and attributes obscuring their senses for other impressions.You either get the feeling that kids must be idiots with limited capacity to react to colors and patterns. Or that grown ups are obtuse idiots that don't take kids seriously. And you get the feeling that girls could never like cars, and that boys could never dig butterflies.

I'm now looking for girls jeans to compare to my kid's jeans, and its not as easy as I thought it would be. The girls have a more limited selection models to choose from, and they are all tight, or super tight. Instead, they get to choose from an endless amount of leggings. Of course there are girls jogging pants, but of course they've got silver stripes on them, and hearts, and ponies. After finding a pair of jeans among a plethora of racks, double and triple packs, walls full of leggings, I find some more stuff to take with me: Long sleeved shirts, there T-Shirts, two girls shorts.

++ INTERMISSION ++

I must admit, after shopping I'm more confused than I expected. I have minimized shopping experiences like this mianly through second hand shops, swapping groups, flea markets. That genderneering starts at the stage of kids apparel isn't news to me either. I also don't believe that ignoring the all gender-related design, although I was so far able to sail by the heavily tagged Disney- and Marvel-licensed stuff.

But there's something else: I don't understand why the whole princess and glitter theme really pushes me away. I really like encouraging my sons to embrace feminine attributes, they like attributes such as love, caring, animals, colorful stuff, etc. They also like colorful shirts and pants, rainbows, unicorn drops, the kid's cooking ware, wooden birthday cakes. But the Glitter-Disney-Princess-Express makes me uneasy, and I do not know what to do with that.

Girls clothes from my point of view stress something fundamental: They are rarely just practical. There's always something cute that you just don't want to "mess up". As a surrounding person, I might be inclined to comment, admire, and even advise to be cautious. A part of the girl's self awareness will be focused on her appearance in her world. If the clothes are of minor interest and are not commented about (by a visiting grandmother for example), her self awareness could focus on her being in her world: Discovering, running, boring herself, breaking things, mending things, in short: Practicing reliance on herself and her senses. It makes me sad that girls are facing the appearance effect so much more intensely at a very young age than boys. Sure, go ahead and buy some jeans in the boys department, but that doesn't do anything about the fundamental problem.


I also need to question my own thoughts: Yes to female empowerment for my boys, but only with feminist and zero glitter approval? Go gender neutral, ignore and restrict all Dinosaur-, Elsa-, Star-Wars-extremes and hope it never becomes an issue? They both don't seem very feasible in reality. I do some research on gender marketing. There's a very informative article on the book market for boys and girls, and it illuminates how frighteningly more complex the worlds and topics of boys' literature are versus the topics and worlds of girls literature. It's in German, but the illustrations kind of manage to drive the point home.

I think this is the core of what makes the girls' glittery glitz sadder than the boys' car-dinosaur-continuum: This limiting a world of experience and thoughts. I will now turn to the pieces I have, put them face to face and compare their shapes and production details. See you back in part two!

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